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Achselhaare (wachsen) lassen
Lust auf eine neue Körpererfahrung? Hier ist eine Idee – da auch der Sommer kommt und es wärmer wird und eventuell die Ärmel bald von den T-Shirts fallen: man könnte (sich) die Achselhaare (wachsen) lassen.* Das geht einfach: indem man sie nicht rasiert.

Erinnert ihr euch an den Skandal in den Neunzigern, als sich Julia Roberts traute, auf einer Premiere ihre Haare mitzunehmen? Was für einen Aufschrei es gab! Dabei sind diese Achseln nun wirklich spärlich behaart. Es ist aber ein Bruch mit den Sehgewohnheiten, dass man einfach hinschauen muss. Wann sieht man sonst im Alltag noch Achselhaar? Im Schwimmbad vielleicht, an mittelalten Damen. Selbst meine Mutter rasiert sich die Achseln! Zwar erst seit ca. 10 Jahren, aber dennoch.

Vor kurzem hat Madonna ein Bild per Instagram veröffentlicht, das sie mit ihrer Behaarung zeigt. wer den Nerv hat und sich die Kommentare zum Bild durchliest wird zur Hälfte erfreute und zur anderen Hälfte angewiderte Meinungsäußerungen finden. Fragt mich aber bitte nicht, wieso Madonna ein solches Bild postet. #artforfreedom hä? Es ist jedoch klar, dass Achselhaar die Gemüter beunruhigt. Die UnterstützerInnen selbst haben bestimmt zum Großteil rasierte Achseln und andere Regionen des Körpers haarlos. Wenn man also irgendwie Bock drauf hat, der Tyrannei der Rasiererei zu entkommen, kann man sich auf Widerstand einstellen: von bösen Blicken zu blöden Sprüchen kann alles vorkommen. Daher ist die Hemmschwelle groß, es zu wagen.

Doch wie geht man nun vor, gibt es dazu Tricks? Ich kenne keinen. Eine superkleine Erleichterung ist es, im Winter damit anzufangen und sich selbst dran zu gewöhnen, denn: nichts schafft Gewöhnung so sehr wie die visuelle und körpereigene Annäherung an die ganze Sache. Man sieht sich selbst ein paar Monate damit im Spiegel und somit werden die Bilder in den Medien ein bisschen ausbalanciert.

Ich frage mich dann immer, wieso ich solche „Experimente" überhaupt mache. Muss man denn immer jeden Quatsch ausprobieren und zwanghaft anders sein? Ist das so ein Ding von mir? Erstens: vermutlich. Zweitens: eigentlich ist es doch Quatsch, sich die Achseln zu rasieren, oder? Spring ich denn den anderen hinterher, wenn sie von der Brücke hüpfen? Eben, Mama. Ich möchte z. B. meiner kleinen Cousine ein gutes Vorbild sein, am besten indem ich alles ein bisschen anders mache als das täglich im Fernsehen oder im Kindergarten vorgelebte Zwangskörperstutzen und -knebeln. Hoffentlich ist dieses „anders" auch in irgendeiner Weise „besser" und öffnet ein bisschen den geistigen Horizont.

* sprachlicher Exkurs, da Sprache Realität abbildet und gleichzeitig erst herstellt: die Wendung „Harre wachsen lassen" tut ja fast so, als würden sie nicht von allein wachsen, als ob es unseres Willens braucht, damit sie aus dem Körper kommen. Dem ist logischerweise nicht so. Haare wachsen von allein, man muss sie nicht wachsen LASSEN. Sie benötigen unseren Zuspruch und unsere Zustimmung nicht, nur eine unterlassene Kürzung genügt. No na.