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Ausschlussdiagnose: Mutter mit Kind
Heute wollte ich mir Materialien für meine Masterarbeit besorgen, politische Schriften aus den 1920er Jahren, und bin dazu in die Nationalbibliothek gefahren. Den Weg hätte ich mir sparen können, denn Mütter in Begleitung ihrer Kinder unter 15 Jahren dürfen leider nicht hinein. Als ich ganz ungläubig auf diese Regel reagiert habe und der wirklich netten Frau am Eingangsschalter erklärt habe, dass ich ein paar Dokumente kopieren muss und ich nicht einsehe, warum ich mir dazu eine_n Babysitter_in organisieren und bezahlen soll, meinte sie: „Gehen Sie rein, aber wenn das Baby laut ist, müssen Sie bitte wieder gehen."

Natürlich könnte man sagen, eine Bibliothek sei der falsche Ort für ein Kind. Dann kann man aber auch sagen, eine Universität, der Arbeitsplatz, ein Restaurant oder ein Flugzeug seien der falsche Ort für ein Kind. Und diese Liste kann man dann unendlich fortsetzen – überall will irgendjemand seine Ruhe haben und überall sind Eltern (meistens Mütter) mit Kind für irgendjemanden störend. Das ist also die Atmosphäre, in der wir Kinder groß ziehen und Mütter angeblich nicht auf ihr Mutterdasein reduzieren wollen. Statt Mütter mit Kindern weiter ins Leben, also in die Öffentlichkeit mit ihren vielen Dimensionen zu integrieren und die Kinder auf unverstellte, sanfte Weise in die Gesellschaft und ihre Rituale hineinwachsen zu lassen, werden sie an private und semi-private Orte verbannt: Der beste Platz für Mama und Kind ist zuhause, dann vielleicht noch im Park und an großzügigen Tagen vielleicht noch im Café – am besten im Kindercafé – oder auf einem Stilltreffen (in den letzten beiden Fällen wird eine aber zumindest hinter vorgehaltener Hand gern mal als Latte-Macchiato- oder Berufsmutter verlacht).

Ob mit oder ohne Kinderwagen, Eltern in Begleitung ihrer Kinder sind oft unerwünscht an den Orten der sogenannten Seriosität.

Als Mutter wird eine also zur Hausfrau gemacht. Es gibt zwar auch die Möglichkeit, bald nach der Geburt wieder ins Büro oder an den Schalter arbeiten zu gehen, aber nur unter der Bedingung, dass die Kinderbetreuung von jemand anderem übernommen wird. Denn, so die irgendwie tiefe Überzeugung: So ein Kind stört eben in der betriebsamen Ernstigkeit der Welt der Erwachsenen. Dazu kann ich sagen: 1. Mein Baby schreit (so wie die allermeisten Babys) eigentlich so gut wie nie. Voller Langmut fesseln Gegenstände, Lichtstrahlen und Geräusche seine Aufmerksamkeit, sodass ich meistens fertig bin, wenn er noch beschäftigt ist. 2. Ist das Baby doch einmal aufgebracht, kann ich (so wie die allermeisten Mütter) vernünftig damit umgehen. Die Anwesenden werden es kurz ertragen können, bis wir uns an einen ruhigen Ort zurückziehen, um zu beruhigen (im Falle der Nationalbibliothek heißt das, in zehn Schritten vom Kopierer zum Aufenthaltsraum zu gehen). 3. Babys schreien mehr, wenn ihnen die Möglichkeit genommen wird, die Welt an der Seite der Eltern zu entdecken. Nur schreien sie dann hinter verschlossenen Türen und niemand fühlt sich gestört.

Liebe Nationalbibliothek, die No-Kids-Regel ist wahrscheinlich weder böser Vorsatz noch absichtliche Diskriminierung von Müttern. Sie ist wahrscheinlich das Ergebnis davon, dass die Lebensrealität von Frauen mit Kindern, die studieren, Wissenschaft betreiben oder einfach nur schmökern wollen, beim Erstellen der Hausordnung nicht ausreichend mitbedacht wird. Darum und weil ihr eine öffentliche Institution seid, die für alle offen sein soll, finde ich es wichtig, Frauen (und natürlich auch Männer) mit Kindern nicht aus eurem Wissensarchiv zu verbannen, sondern für ein Klima zu sorgen, in dem mit gegenseitiger Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft alle lernen und lesen dürfen.