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Body issues /// Teil 2: Schmerzen
Beim Thema Schmerzen fallen mir abwechselnd zwei Sachen ein, wenn darüber geredet wird. Die erste Assoziation ist ein Zitat aus einem Film, den ich vermutlich nie ganz gesehen habe, mit jemandem wie Sylvester Stallone in der Hauptrolle, und er sagt: „Schmerzen… schlimmer sind sie im Gefängnis." Das bringt mich immer zum schmunzeln (aber vielleicht ist es die Wahrheit!). Die zweite Sache ist der Mythos darüber, dass Geburtsschmerzen die schlimmsten auf der Welt sein sollen und Männer bei einem derartig starken Schmerz sofort sterben würden. Das bringt mich ebenfalls irgendwie zum schmunzeln. Ich schmunzle sehr oft über das Thema, vermutlich weil ich soviele Schmerzen habe. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob Schmerzen treffsicher unter „body issues" einzuordnen sind, jedoch wollte ich unbedingt mal drüber reden.

Der Regelschmerz dient hauptsächlich dem Vermeiden von Sportunterricht.

Trotz des Geburtsschmerzmythos (den ich deswegen Mythos nenne, da es für solche Aussagen wohl kaum eine Forschung oder Messmethode gibt) gelten Frauen als das schwache Geschlecht, was man sowohl auf körperliche Stärke als auch Belastbarkeit beziehen kann. Die studi-VZ-Gruppe „müde kalt hunger pipi" oder so ähnlich ist ein ganz tolles Beispiel dafür: ständig haben Mädchen wehwehchen, auch wenn die Ursache so harmlos wie Harndrang ist und quengeln dann. Weiber halten nichts aus, nichtmal kalt duschen. Im Gegenzug dazu gibt es dann so zivilisatorische Highlights des 21. Jahrtausends wie Jackass, die die Darstellung von Schmerzhaftem zum Kult erhebt. Im gesamten Cast ist keine weibliche Person, auch wenn sicher schon alle Johnny Knoxvilles ihre männlichen Reproduktionskapazitäten eingebüßt haben (aber das haben sie ja auch mal getestet, ja, ich hab's gesehen).

Das wirkt doch ein wenig paradox. Die einen suchen den Thrill und wissen um ihre Widerstandsfähigkeit, die anderen vermeiden potentiell schmerzbringende Momente und leben eher vorsichtig. Das ist aber nur auf äußere Umstände anzuwenden. Wie sieht es eigentlich aus mit: krankhaft chronischen Schmerzen?

Die Antwort auf alles: Lady Gaga.

Darüber wird immer und überall geschwiegen. Kein Thema ist weiter wegzuschließen als tatsächlicher Schmerz, der nicht zu ändern ist. Folterszenen sind im Fernsehen häufiger zu sehen, aber wie oft werden chronisch Kranke und Leidende medial dargestellt? Miep. Wenn man schon im Sterben liegt, sieht es auch anders aus, dann kommt man schnell auf einen Bildschirm. Leiden allein ist unsexy und langweilig. Im schlimmsten Fall hat man mitLEID – das will niemand verantworten. Der Leitsatz heißt: leiden vermeiden. Umgang mit unvermeidbarem Leiden hat keinen Merksatz.

Kommen wir zu meinem Leiden: ich habe eine chronisch entzündliche Darmkrankheit und daher oft und viel und starkes Bauchweh und Krämpfe. Seit neuestem auch Fiebersymptomatik. Außerdem eine Depression, die vermutlich aus der Darmgeschichte entsprungen ist. Es gibt Phasen, in denen ich über Monate hinweg ohne Medikamente und Schmerzen bin, doch es gibt Schübe, in denen ich sehr krank bin. Derzeit habe ich einen Schub, der sehr lange andauert und nicht einmal mit Kortison gestoppt werden konnte.

Ich möchte euch etwas darüber erzählen, wie in meiner Kindheit mit Schmerzen umgegangen wurde: es gab sie nicht. Ich komme aus der DDR und meine Eltern hatten weder Zeit noch Geld, um selbst krank zu sein. Schnell trichterten sie mir ein, dass ich dementsprechend auch nicht krank sein dürfe, sonst müssten sie zuhause bleiben und das ihrem Chef erklären. Diese Zeit kam nach dem Mauerfall, als man wegen allem Angst um seine Stelle haben konnte (nicht musste). Ich erinnere mich an das eine mal, als ich Durchfall hatte, und meine Mutter bei mir blieb. Durchfall ist ein echter Grund für ein Kind, krank sein zu dürfen. Ich erinnere mich an das andere mal, als ich Kopfweh hatte. Kopfweh kann man nicht sehen und deswegen kein Grund, krank sein zu dürfen. Ich erinnere mich an ein anderes mal, als ich mich übergeben musste. Ich durfte krank sein, doch als ich zwei Stunden später etwas zu mir nehmen konnte, eine Stunde später lesen konnte und es mir am Nachmittag besser ging und ich ein Lied sang, hieß es „Aha, du bist ja doch nicht krank! Hättest du also zur Schule gehen können!" Ich fühlte mich dermaßen ertappt, dass ich seitdem nie wieder einen Tag in der Schule verpasst habe.

Ich habe nie viel darüber nachgedacht und übernahm die Einstellung grundsätzlich. Wenn eine Schulkameradin nicht auftauchte, schimpfte ich sie Simulantin und Schwächling. Das ging natürlich weit über die Schulzeit hinaus. Als ich Anfang 20 war, schlichen sich die ersten Symptome meiner Krankheit ein. Erst als ich Blut im Stuhl hatte, ging ich zum Arzt. Der konnte nichts feststellen, also ließ ich es auch. Jahre später erst versuchte ich es erneut. Diesmal bekam ich eine Diagnose und freute mich, da ich auch Medikamente bekam. Das Thema war für mich gegessen. Ich verpasste keinen Tag auf der Uni oder bei der Arbeit deswegen. Niemals. Bis heute nicht.

Wenn es mir nicht gut geht, liege ich im Bett – in meiner Freizeit. Egal was passiert, ich gehe zur Arbeit, ich kämpfe mich durch die Prüfung und das Vorstellungsgespräch – ob ich erbreche oder whatever, mein Leistungserbringerwille ist zu hoch, um meinen Vorgesetzten jemals zu sagen, dass es mir nicht gut geht. Die Welt ist meine Vorgesetzte.

Dass sich dieses Verhalten mal „rächt" kann ich mir nicht vorstellen. Ich räche zurück. Einen unverantwortlichen Umgang mit meinem Körper habe ich so intus, dass nichts mehr hilft. Wer hat schon die Zeit, sich alle 5 Jahre der nötigen Darmspiegelung zu unterziehen?

Ein kleines Nebenprodukt dieser Erziehung ist übrigens eine vernebelte Wahrnehmung, was die Stärke der Schmerzen und andere Empfindungen mischt. Als ich früher sagte, dass ich Bauchweh habe, hieß es, ich habe sicher nur Hunger. (Ich bin mittlerweile nur noch ganz leicht übergewichtig) Oder aber: das geht sicher gleich weg. (Ich warte bis heute) Wenn ich Kopfweh hatte (an Nachmittagen oder am Wochenende) sollte ich mich schlafen legen. Erst als ich vor einigen Jahren meine Familie besuchte und meine Schwester an ihrem 14. Geburtstag ebenfalls über Kopfweh klagte und dieser Tipp kam, wurde mir klar: warum darf sie keine Tablette nehmen? Soll sie ernsthaft ihren Geburtstag im Bett verbringen, wenn eine Tablette sie möglicherweise nach 15 Minuten wieder fit macht? Meine Mutter verbindet mit Arztbesuchen und Medikamenten Schwäche des Charakters. Jetzt hatte ich es begriffen.

Auch wenn ich nun logisch dahinterblicken kann, vertrete ich diese Ansichten doch noch – wenn auch nur mir gegenüber. Ich bin mir nicht sicher, wieviele andere diese „body issue" mit mir teilen, aber vielleicht stellt sich heraus, dass ich nicht allein damit bin.