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Du bist zu groß für meine Schublade
Ich menstruiere. weil ich eierstöcke und eine vagina habe und vor allem weil ich einen hormonhaushalt habe der mir das ermöglicht. ich gehöre zu den glücklichen die dabei jedes mal richtig fett schmerzen haben, zuhause im bett liegen, tausend tabletten schlucken und krämpfe kriegen. vor längerer zeit fragte ich mal eine aus meiner klasse ob sie denn eine regelschmerztablette für mich hätte. sie sah mich perplex an. „ach, du hast ja auch die regel," sagte sie, und fügte dann irgendwie verschämt hinzu: „das vergesse ich immer." aus irgendeinem grund entschuldigte sie sich bei mir und gab mir dann ein ibumetin.
für mich aber fühlte es sich so unbeschreiblich gut an. die tatsache als etwas wahrgenommen zu werden was außerhalb diesem dualen geschlechtersystem steht fühlte sich fast schon wie selbstverwirklichung an. weniger gut fühlt es sich an wenn wildfremde personen einer* durch nachrufen verständlich machen das ihr verständnis an mir grenzt. und es fühlt sich auch nicht besonders gut an, dass das was man ist nicht als individualität gesehen wird sondern als verirrung, dass man für so viele die personifizierte grenzüberschreitung ist.
das macht dann auch paranoid.
ich denke, ich sehe manchmal auch menschen an. weil sie den gleichen pullover besitzen wie ich, weil sie sich beim eis essen bekleckern, weil sie einer person ähnlich sehen die ich kenne. wenn man aber circa einmal die woche von irgendwem gefragt wird was man denn sei, „futleckerin" und ähnliches hinterhergeschrien bekommt, dann fängt man daran zu zweifeln an ob menschen einen aus harmlosen gründen mustern. irgendwann bekommt man auch scheuklappen.
diese frage aber, ob ich jetzt ein mann oder eine frau bin (zitate: „bist a schwuchtl oda a lesbe?") ist nicht nur ein eingriff in meine privat- und intimsphäre, sie ist auch absolut sinnlos weil ich sie weder beantworten kann noch darauf aus bin das irgendwann zu können. ich definiere mich nicht als frau. ich definiere mich noch weniger als mann. das hat einen haufen nachteile was weiterlaufende bezeichnungen, zuschreibungen und definitionen betrifft, es ist mir aber ziemlich egal ob ich mich jetzt definieren kann oder nicht, und ich mach mir inzwischen, im gegensatz zu den vielen personen die mir begegnen, keine tiefgehenden gedanken mehr darüber.

am schlimmsten ist es aber wenn es freund_innen nicht abchecken. meine freund_innen rufen sich eigentlich alle feminist_innen. da wird butler und simone de beauvoir zitiert, da wird darüber geredet das man sich selbst dekonstruieren muss, das die welt sensibilisiert gehört. da wird darüber gesprochen was es heißt außerhalb der geschlechternorm zu stehen, sprachlich reproduziert wird im generischen femininum und die heteronormative matrix ist das fundament allen übels. das ist ja alles sehr schön. trotzdem steht dann der großteil dieses queerfeministischen haufens ziemlich verstört und achselzuckend da wenn sie merken das sie da mit einer person konfrontiert sind die tatsächlich nicht in diesem system steht. das heißt jetzt nicht, das da ungute sprüche kommen, witze gemacht werden oder sonstirgendwas, es ist mehr so, dass es einfach ignoriert wird. und dann bin ich halt einfach eine frau, dann bin ich sie, dann bin ich stur wenn ich nicht ins wasser gehen will, dann bin ich eine lesbe, noch dazu mit sehr viel klischee weil ich männer*gewand trage. eigentlich tut das dann weh, weil man gerade von den menschen die einem_r am nächsten stehen als zumindest etwas ähnliches wahrgenommen werden will was man ist. ich frag mich dann oft ob es nicht schon, bis zu einem gewissen grad zumindest, an einem komischen drang nach bestätigung grenzt, weil es mich ja auch pusht wenn wer mal anders mit mir umgeht, wenn ich nicht als die mara gesehen werde. anderseits ist es doch eine voraussetzung von menschlichkeit als das gesehen zu werden was man ist, was man sein will oder etwa nicht?

und ich schließe mit einem sehr netten zitat das mich heute sehr erheitert hat, es ist von andy strauß, einem poetry slamer, und lautet:

deinen augen entnehme ich, dass ich zu groß für deine schublade bin. stell mich doch einfach auf den boden.