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Dumpstern als Privileg
Das schönste Weihnachtsgeschenk des vergangenen Jahres hat mir mein Freund gemacht, als er mir einen Müllraumschlüssel schenkte. Mit der Aussicht auf viele damit verbundene Abenteuer hielt ich ihn in der Hand und sah schon Berge an Essen vor meinem inneren Auge.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich von der Idee des Mülltauchens / Dumpsterns / Containerns erfahren habe, aber ich war gleich begeistert. Erstes bekommt man was umsonst und zweitens ist es eine Kapitalismuskritik, yeah. Ich hatte mich im Sommer davor schon zum gemeinsamen Müllsuchen verabredet und es das erste mal gewagt, in fachkundiger Begleitung, im Dunkeln. Mit dem magischen Schlüssel haben sich mehr Möglichkeiten aufgetan. Die Supermärkte in der Gegend waren bald alle abgecheckt, meist wenig erfolgreich. Mit ein wenig Geduld und Mut gelang es mir aber, die besten Zeiten und Orte ausfindig zu machen und tatsächlich viel abzugrasen. Soviel letztlich, dass ich seit einem Monat gar nicht mehr in den Supermarkt gehe, um Essen zu kaufen.* Mich kann man jetzt also freegan nennen, ich esse nur „Müll" und Geschenktes. Dadurch spare ich verdammt viel Geld.

An einem meiner Lieblingsmüllplätze musste ich gestern jedoch etwas beobachten, was mich sehr traurig gemacht hat und an das ich nicht wirklich zuvor gedacht habe: es hatte sich ein Obdachloser über die Biotonne gebeugt und fischte Essbares heraus. Die Tonne steht im Freien und schon oft sah ich PassantInnen im Vorbeigehen den Deckel heben und sogar etwas nehmen, so wie ich es auch tue. Hier ein Karfiol, da ein paar Erdäpfel. Der Obdachlose fand Erdbeeren und ging dann. Ich überlegte kurz, wieso er nicht mehr mitnahm, da die Tonne ziemlich voll war. Dann fiel mir ein, dass er vermutlich nicht über eine Möglichkeit verfügte, die Sachen zuzubereiten und zu kochen. Und dann war mir klar: Dumpstern ist ein Privileg.

Zwar bin ich auch arm, doch könnte ich jederzeit in den Supermarkt gehen und mir so ziemlich alles dort kaufen. Das durchs dumpstern gesparte Geld investiere ich in Luxusdinge (ein Gschäft). Ich bin mir sehr sicher, niemals obdachlos zu werden. Es gibt bestimmt nicht viele Obdachlose, die über den Müllschlüssel verfügen oder den Akt des „Müllklauens" gedankenlos ausführen können / wollen. Nehme ich noch viel bedürftigeren das Essen weg? Sollte ich es für sie verfügbar machen? Seit gestern sind diese Fragen existent. Ich muss damit umgehen wie mit den anderen Privilegien, die ich habe und ebenso nicht abschütteln kann. Ich muss das aktiv reflektieren.

* tbh geh ich immer noch Katzenfutter und Blondierungen kaufen.