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Infantilität als Strategie oder: Warum ich mich anziehe wie eine Dreijährige
Das oben bin ich in meinem neuen Einteiler mit My Little Pony Print aus dem Primark. Einteiler (onesies, jumpsuits, playsuits, nenn sie wie du willst) sind sehr praktische Kleidungsstücke, denn zusätzlich zu allen tollen Eigenschaften eines Kleides gibt es hier nicht die große Gefahr, dass durch Herumtollen das Unterhöschen geblitzt wird. Oder doch?

Bitte tragt sowas nicht, niemand sieht darin gut aus (beim Gehen schieben die sich am Popo hoch, wie ich neulich sah)

— Jana Herwig
Ein gutes Beispiel für Fashionshaming. Es wird ein Trend hergenommen und gesagt, dass „niemand darin gut aussieht". Was das eigentlich heißen soll? Dier Betrachterin muss leiden, dass heißt das. Scheiß auf die Bequemlichkeit, dein Fett / Unterhöschen / Körper kommt darin zur falschen Geltung also bitte einen großen Bogen um diesen Trend machen. Bin ich wirklich der Typ, der Rücksicht auf seine Mitmenschen in Bezug auf die eigene Kleidung nimmt? Hmmmmm nein. Wenn es nicht gerade darum geht einen Job* zu bekommen, trage ich einfach was ich will.

Soll ich noch was drauflegen? Ich trage auch das, was ich eigentlich als Kind anziehen wollte. Und das, was ich als Jugendliche anziehen wollte. Sei es von meinen Eltern direkt oder von der Umgebung indirekt verboten worden, ich habe Aufmerksamkeit gebraucht und durfte das nicht ausdrücken. Ich war ein ruhiges Kind mit stiller Gebrauchskleidung. Ich trug Generationen von alter Kleidung meiner Verwandten auf. Wir hatten damals nicht viel – vor allem kein Selbstvertrauen.

Ich verpasste eine laute Kindheit und eine rebellische Jugend. Meine mit 12 gefärbten Haare musste ich in einem langwierigen Prozess auf Geheiß meiner Mutter bis zum Ende rauswachsen lassen, damit eine derartige Sache nie wieder passiert und ich etwas daraus lerne. Ich habe also viel aufzuholen. Dazu zählt auch, sich durch seine Kleidung auszudrücken. Dass ich mit 16 Bandshirts getragen habe, ist natürlich auch ein Ausdruck der Persönlichkeit, aber hey, it's just a shirt.

Ich gehe sogar soweit, dass mein „Zurückfallen" in die modische Kleinkindphase durchaus auch politische Schlagkraft hat. Gehen wir vom wirksamsten Fall von modischem Statement aus, sagen wir: Punksein. Punks tragen ihre politischen Anliegen offen zur Schau, es ist eine Entscheidung und eine Darstellung von Zusammenhalt und dergleichen. (FÜR IMMER PUNK!)

Ganz so eindeutig ist modische Infantilität nicht. Ich muss es erklären: ich weigere mich, Teil dieser kapitalistischen und sexistischen Welt zu sein, in der ich sowieso keinen Platz habe, dennoch bin ich da, in dieser Welt. Ich nehme Platz ein und mache mich nicht unsichtbar. Im Gegenteil: ich mache auf mich aufmerksam, ich ziehe durch bunte Haare und übertrieben gemusterte Kleidung eure Blicke auf mich. (Werde ich deswegen belästigt? Ja. Wurde ich bisweilen angespuckt? Ja. Bekomme ich jeden Tag einen seltsamen Kommentar von Unbekannten ab? Ja. Und erschrecken die Leute bei meiner Reaktion, weil sie mit Gegenwehr nicht rechnen? JA!) Denn: Frauen werden nicht ernst genommen. Egal was sie anhaben. Frauen werden noch weniger ernst genommen, wenn sie sich anziehen wie ein Kind. Die Hemmschwelle, seinen Gefühlen für Abscheu in diesem Fall Ausdruck zu verleihen, sinkt. Wer street harrasment betreibt, wartet nur auf ein leichtes Opfer wie mich, vermeintlich. Aber warum tu ich mir das an, mich so in den Mittelpunkt zu stellen, wenn ich das sehr gut auch vermeiden könnte? Nun, die selbe Frage kann man eigentlich auch Homosexuellen stellen, die PDAs austauschen, oder einfach einsehen, dass „warum machst du xy, wenn du weißt, dass yx…" victim blaming ist.

Hier noch ein Bild von Carla im selben Outfit. Bussi!

* noch ein Grund, warum ich jetzt selbstständig bin