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Ja-que-line ist auch dein bier
ich habe mich in letzter zeit etwas mit klassismus außeinandergesetzt. ja, ich gebe zu, nicht besonders intensiv, mehr als ein büchlein in dem die „wichtigsten texte" gesammelt waren, und an dessen cover das wort „einführung" prangte war es nicht, und doch, dass es überhaupt dazu gekommen ist, damit komm ich mir recht allein vor. letztens, da wollte ich mit einer person darüber diskutieren, hörte dann aber wieder auf als die besagte person den satz mit „klassizismus" begann. viel mehr kam da im allgemeinen nicht heraus.

klassismus beschreibt eine diskriminierungs- und unterdrückungsform die sich im ausschluss vom öffentlichen raum, materiellen ressourcen, der politischen partizipation und der verweigerung von anerkennung und respekt an armen, arbeitenden und working-poor-personen äußert. in den usa scheint der begriff klassismus zum grundvokabular der wissenschaftlichen außeinandersetzung mit armut und klassenkonflikten zu sein, ich, wobei ich natürlich keine messlatte bin aber doch den anspruch erhebe als recht politisierte person durchzugehen, hab erst recht spät davon gehört. was da alles dazu gehört hat mich erschreckt. noch mehr als ich drauf gekommen bin wie unsensibilisiert ich auf diesem gebiet bin, und völlig am ende, als ich bemerkte wie weit sich mein freund_innenkreis sowie meine gesamte umgebung von armen oder der „kultur der armen" distanziert (und ich gehe davon aus das distanzierung genauso eine art von abwertung und unterdrückung ist) hat.

wenn ich mir meine individuelle geschichte ansehe, die geschichte meiner familie, meinen (recht früh geförderten) zugang zu klassischer sowie zeitgenössischer kunst und kultur ansehe, fällt es etwas aus dem schema. die finanzielle situation war nie rosig, leicht an der grenze zur armut standen wir nicht durchgehend, aber öfters, als kleines kind kannte ich die situation nicht dieselben spielzeuge und statussymbole zu besitzen wie meine altersgenoss_innen, als jugendliche die anstrengungen monatelang kein taschengeld zu bekommen. meine eltern sagen:" es hat dir doch an nichts gefehlt?!", gleichzeitig sagen sie mir:" ich hätte dir gern mehr bieten können." trotz alledem spielte ich geige am konservatorium, besuch(t)e ein gymnasium, wo ich ökonomisch gesehen auf den untersten plätzen der finanzhierarchie platz nehmen müsste (obwohl ich mich selbst nie so wahrgenommen habe), ging mit meinen eltern in ausstellungen, war zwar selber nie im urlaub hatte aber genau die freund_innen die die schönsten gemacht hatten.

eigentlich müsste ich mit ja-que-line mehr zu tun haben als mit marie-luise. hab ich aber nicht. ich bin eine* straddler. wir hatten immer versucht, das was wir materiell nicht hatten kulturell auszugleichen. und dann denk ich mir, was da überhaupt auszugleichen sei. warum geh ich bei dieser frage überhaupt davon aus, dass mein defizit an materiellem besitz (gemessen an einer westlich-bürger_innenlichen gesellschaft und kultur) folglich eine lücke in meiner identität ist die ich mit (bürgerlichen) eigenschaften füllen muss.

das der feminismus ganz wichtig war für die klassismus-debatte, das es bell hooks, the furies und genoss_innen waren die sich das erste mal mit diesem aspekt der intersektionalität außeinandergesetzt haben und kritik an der marxistischen annahme armut wäre ein rein materielles konstrukt und kritik an der kapitalistischen (weiter verbreiteten als gedachten) denkweise, arme wären an ihrer armut selber schuld, übten, kommt nicht von irgendwo. aber wieso waren es genau lesbische feministinnen* die den begriff des klassismus als erste in der form verwendeten? unter anderem weil das mittel der dekonstruktion aufkam, weil es feministinnen* waren die den sprachgebrauch zu sensibilisieren begannen, die geschichte als ihre waffe betrachteten und das erste mal den vorherrschenden strukturen und systemen einen radikalen kampf angesagt hatten. bell hooks erklärt das so:

„es waren lesben, frauen aller hautfarben, aus allen klassen, die die vorhut bildeten für eine radikalisierung des zeitgenössischen weiblichen widerstands gegen das patriarchat. dies war so, weil diese gruppe sich aufgrund ihrer sexuellen orientierung außerhalb des heterosexistischen privilegs und schutzes zu hause und am arbeitsplatz verortet hat … dementsprechend konnten sie sich nicht, wie ihre heterosexuellen gegenüber, darauf verlassen, von ihren männern ökonomisch unterstützt zu werden."

aber das ist jetzt alles etwas länger her. und heute ist es irgendwie nicht besser geworden. ja-que-line fand ich auch immer doof, die konnte ja nicht mal irgendwas mit grammatik, die war dumm, aggressiv und hatte keinen geschmack.

ich kenne keine ja-que-line. keine einzige. ich kenne nur einen hund der kevin heißt, mit dem namen dennis hat sich mir das letzte mal einer* aus meinem hort, vor fast 10 jahren vorgestellt. ich lebe in einer welt in der all das nicht vorhanden zu sein scheint. wie hinter einer durchsichtigen mauer in den u-bahnen, in den vierteln hinter der sich all das verbirgt nach dem keine_r sucht, in einer gesellschaft in der bürgerliches denken leitkultur ist, in dem sich begriffe wie „unterprivilegiert" (unterbevorteilt?!) zu etablieren beginnen, wo rtl mit „assi-tv" kassen füllt und naturalisierte vorstellungen von bildung zugespitzt in aussagen wie „in deutschland kriegen die falschen die kinder" herumgeistern.

ich will einen feminismus in dem ja-que-line auch platz hat, in dem ihr ed-hardy tshirt ein tshirt ist wie jedes andere auch. ja, es gefällt mir nicht, ich finde ed hardy echt hässlich, aber findest du es nicht auch deshalb gleich noch etwas hässlicher weil es eine schicht, eine klasse, eine „stratifikation" darstellt die „dümmer" ist als du, der_die du es dir leisten kannst dem bürgerlichen chick, meinetwegen auch den radical chick nachzujagen? es wäre z.b. dringendst von nöten, dass man die essentialität der lohnscheren begreift, die frauen* aus armen kreisen am meisten trifft. es ist kein wunder das thematiken wie die lohnschere sowie die gläserne decke gelangweilt bis belustigt abgewunken werden, wenn die personen die dazu überhaupt gefragt werden, die ihre meinung in irgendeiner form öffentlich äußern können und dürfen, einer klasse angehören die nicht weiß was essentialität überhaupt bedeutet, wohlbehütet bei wohlverdienenden männern* aufgewachsen sind.

das vorherrschaft von männern* muss auf allen ebenen zerschlagen werden, und nicht nur auf der bürger_innenlichen, auf der man sich für klug genug dafür hält.

„… als resultat der klasse, in die du geboren und in der du aufgewachsen bist, prägt klasse dein verstehen der welt und deine anpassung daran; es setzt sich aus deinen ideen, verhaltensweisen, haltungen, werten und sprache zusammen; klasse bestimmt, wie du denkst, handelst, aussiehst, dich bewegst, läufst; klasse zeigt, in welchen geschäften du kaufst, in welchen restaurants du isst; klasse meint die schulen, die du besuchst, die bildung, die du erhältst; klasse bestimmt die jobs die du im laufe deines lebens ausübst … wir erfahren klasse auf allen ebenen unseres lebens. mit anderen worten; klasse ist sozial konstruiert und alles umfassend." (barone)