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Meinem Körper und mir, uns geht's eigentlich ganz gut
Vor einigen Tagen sagte eine sehr gute Freundin zu mir, ich sei die einzige Frau in ihrem Umfeld, von der sie kein Body-Shaming kennt. Ich war erstaunt und sie sagte das irgendwie so anerkennend, dass ich auch geschmeichelt war. Ich begann nachzudenken, weil es so gar nicht in mein Selbstbild passt, eine zu sein, die sich keine Gedanken über ihren Körper und über ihr Aussehen macht. Immerhin liebe ich Mode, mache regelmäßig Sport und versuche sogar mich meistens gesund zu ernähren (auch wenn ich nicht wirklich weiß, was das eigentlich heißt, außer nicht jeden Tag Leberkäsesemmel oder bei McDonalds zu essen). Dann könnten mein Teint besser sein, meine Brüste größer und meine Beine länger, wenn man mich fragt. Auch meine Haare sind irgendwie strähnig und … in dem Moment wurde mir einfach klar: Aber das hat alles keine wesentliche Bedeutung in meinem Leben.

Auf einmal fielen mir Szenen ein, die ich aus dieser neu gewonnen Perspektive plötzlich verstand. Da waren Zeiten als ich mich viel in feministischen Zusammenhängen bewegt habe und nie so ganz diese intensive persönliche Auseinandersetzung mit der Unterjochung durch dominante Schönheitsnormen verstand. Also ich verstand schon, dass wir die objektivierende und sexualisierende Funktion bestimmter Weiblichkeitsdarstellungen kritisierten, ich verstand auch die grundsätzliche Kritik an unrealistischen Ansprüchen, aber irgendwie war ich auch immer tief davon überzeugt, dass sie eben unrealistisch sind und nicht allzu viel mit meinem eigenen Körper und Leben zu tun haben. Es gab dann gelegentlich Momente, in denen ich fast unaufrichtig eine Unzufriedenheit ausbreitete, die ich gar nicht wirklich empfand. Dann jammerte ich über die Zumutung des Beine Rasierens, über meine zu kleinen Brüste und schwor mich mit den anderen darauf ein, diesen Vorschriften offen den Kampf anzusagen. Ich rasierte meine Beine nicht mehr, trug dann aber immer lange Hosen, weil ich mich nicht mehr schön fühlte. Mutig war ich also nicht, was das Unterlaufen bestimmter Schönheitsnormen betrifft und das frustrierte mich mehr als das Beine Rasieren selbst. Dadurch bekam die Bewertung meines eigenen Körpers auf einmal so einen hohen Stellenwert, dann warf ich mir vor, dass ich nicht mutig und unabhängig genug bin, um mir meine eigenen Vorstellungen von Schönheit zu machen, dass ich mich zu sehr mit dem männlichen Blick identifiziere und das war alles ein ziemlicher Stress.

Ich bin wieder zurückgekehrt zum Beine Rasieren, wenn ich Röcke und Kleider trage und wenn es mir wichtig ist, mich schön zu fühlen. Komme ich aber nicht dazu, weil ich eine anstrengende Arbeitswoche hinter mir habe, lieber länger Schlafe, Freund_innen treffe oder Lese statt regelmäßig die Rasierklinge auszupacken, dann gehe ich auch unrasiert in kurzer Hose ins Fitnessstudio oder Schwimmen. Und das manchmal auch für mehrere Wochen.

Im Prozess meiner feministsichen Subjektivierung habe ich viel Zeit und Energie gebraucht, um mich an meiner Mutter und den Weiblichkeitskonzepten abzuarbeiten, die sie mir mitgegeben hat. Jetzt aber verstehe ich zum ersten Mal, dass ich Mama auch ein entspanntes Verhältnis zu meinem Körper verdanke. Nicht nur hat sie niemals an mir herumgekrittelt – diese elegante und gepflegte Frau hatte immer einen anderen Lebensmittelpunkt als ihren Körper. Wie oft warf ich ihr vor, dass sie nie ungeschminkt und schlampig außer Haus geht und übersah dabei, dass sie niemals Diät hielt, dass es bei uns zuhause keine Waage gab und dass sie bis heute mit einem Genuss isst und trinkt, den sie mir einfach so mitgegeben hat. Mama hat immer gearbeitet, manchmal auch sehr sehr viel und dann kam sie nachhause, trank eine Flasche Wein und aß eine Packung Chips dazu. Nie hätte sie sich danach schuldig gefühlt oder irgendetwas gesagt wie: „Das hab ich mir jetzt verdient, aber die nächsten drei Wochen darf ich das nicht mehr." Trotzdem aß sie nicht jeden Tag eine Packung Chips, trank nicht jeden Tag eine Flasche Wein und ging sogar manchmal laufen oder in Yoga. Von Abnehmwünschen und Schönheitsoperationen lernte ich erst im Gymnasium mehr. Als ich Mama gefragt habe, warum ich eigentlich nicht dick bin und so viele meiner Freundinnen abnehmen wollen, erzählte sie mir nichts von Kalorien oder Kohlenhydraten. Sie sagte einfach: „Das wichtigste ist, dass du dreimal am Tag isst, damit du genug Energie fürs Leben hast."

Als ich heute den Blogeintrag von Antje Schrupp las, dachte ich: „Jajaja!" Natürlich kann man in symbolischen Aktionen BHs verbrennen, Waagen wegwerfen und eigene Bilderblogs für Frauen machen, die sich nicht im Schönheitsideal wiederfinden und trotzdem schön finden wollen. Gegen all das ist nichts zu sagen, da es auf einer symbolisch-kulturellen Ebene zweifellos viel zu erkämpfen gibt. Eine Abkehr von repressiven Schönheitsnormen hin zu starken, intelligenten, lustigen Frauen, die ihre kognitive, emotionale und körperliche Energie zu einem Großteil erfüllend ausleben, die politisch aktiv sind, programmieren, singen, denken – einfach ihr eigenes Leben in die Hand nehmen und sich mit den Bedingungen auseinandersetzen, die ihre Möglichkeiten begrenzen oder erweitern. Diese Frauen können auch einen kleinen Teil ihrer Ressourcen dafür aufwenden, schön zu sein und sich schön zu machen, wenn sie sich danach fühlen und es ihnen gerade wichtig ist.

Ich will nicht sagen, dass es feministisch(er) ist, ein gutes, entspanntes Verhältnis zu seinem Körper zu haben. Was der Körper psychisch, aber auch politisch repräsentiert und wie sich jede einzelne an ihm abarbeitet, ist wohl nur aus der eigenen Lebensgeschichte erklärbar. Ich glaube aber, dass wir nicht in die Falle der Gegen-Identifizierung geraten sollten, die uns in die Koordinaten des Schönheitswahns verstrickt. In diesem Sinne gebe ich Antje Schupp ganz recht: Ja, ich hätte gerne einen samtenen Teint, größere Brüste, längere Beine und dichteres Haar. Dick fühle ich mich nicht, manchmal hätte ich sogar gern mehr Gewicht, damit nicht immer alle sagen, wie dünn ich bin. Aber irgendwie ist das alles nicht so wichtig und verstellt den Blick auf neue Themen, auf ein neues Terrain des Lebens, Kämpfens und Freiseins, das nicht von Schönheitsnormen und einem kommerziellen Mode- und Kosmetikkomplex vorstrukturiert ist.