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Muttiblog: Vom Stillen, der Libido und der Entsagung
Ich möchte über das Stillen schreiben. Darüber welche Erfahrungen es mir ermöglicht hat und wie potent und verändert ich meinen Körper dadurch erlebe. Aber ich will nichts gegen das Nicht-Stillen schreiben und nichts darüber, aus welchen Gründen die Muttermilch jeder anderen Säuglingsnahrung überlegen ist (oder auch nicht). Es gibt gute Argumente gegen das Stillen, die ich nachvollziehen kann und ich bin nicht mal sicher, ob ich mögliche zukünftige Kinder wieder stillen würde, aber diesmal stille ich und es ist aufregend schön.

Weg mit dem Aufopferungs- und Verzichtsdiskurs

Wie rundum, das heißt psychisch und physisch, gesund das Stillen für das Baby ist, kann eine auf unzähligen Blogs und Pro-Breastfeeding-Seiten lesen. Der Tenor: Stillen ist das Beste für dein Kind, das heißt für den Moment wie auch für seine zukünftige Entwicklung. Das kommt mir nicht nur reduktionistisch, sondern auch ideologisch vor. Ist doch bestimmt nur das am Besten für das Kind, was auch das Beste für die Mutter ist, womit sie sich also authentisch wohl fühlen kann. Mit einem Baby zusammenleben und es ernähren, kann ja nicht in erster Linie bedeuten, zum Wohle des Babys ständig zurückstecken zu müssen und sich aufzuopfern. Ganz im Gegenteil, dieser Entsagungsgestus ist der erste Schritt zu einer entfremdeten Elternrolle, die weder für eine selbst noch für das Baby gut sein kann. Also verabschieden wir uns von der Verzichtsethik der Mutterschaft, beim Nicht-Stillen, aber auch beim Stillen. Gerade letzteres soll ja wie so viele andere Aspekte des Mutterseins ganz viel mit Entsagung zu tun haben. Zumindest wird uns das ständig vermittelt, durch Ratgeber und medizinische Empfehlungen: Keine Kohlensäure, kein Sushi, kein Koffein, kein Ausdauersport und schon gar kein Alkohol. Allerdings ist Stillen kein Risiko, sondern ein körperlicher Dialog zwischen Mutter und Kind, der intuitiv funktionieren kann. Was an dem, was eine isst, das Kind schlecht verträgt (was äußerst selten ist), würde man merken und bis dahin gilt: alles essen, worauf man Appetit hat. Die Ernährung der stillenden Frau braucht keine Kontrolle. Eigentlich wird Essen und Trinken durch das Stillen nur lustvoller, äußerst sich der gestiegene Kalorien- und Flüssigkeitsbedarf doch in mehr Appetit. Noch dazu ist dieses Gefühl, durch das eigene reichhaltige Essen nicht nur sich, sondern auch dem Kind etwas Gutes zu tun, irgendwie schön.

Nahrungsaufnahme jenseits von Kontrolle und Überwachung

Schön und aufregend ist es auch zu wissen, dass alles, was das Kind bisher wachsen ließ, aus meinem Körper kommt. Das macht stolz und lässt mich mächtig fühlen. Und gleichzeitig stellt Stillen auf sinnliche Weise eine Haltung zur Ernährung in Frage, die gerade heute vorherrschend ist: Niemand, nicht einmal die stillende Frau, kann zählen, messen und kontrollieren, wann und wie viel das Kind genau trinkt. Am Anfang hat es mich immer wieder irritiert, nie genau zu wissen, wie viel fließt, wie viel er trinkt und ob er auch genug bekommt. Doch mit der Zeit habe ich die Zuversicht entwickelt, dass im Verborgenen unserer beider Körper – jenseits von Kontrolle und Überwachung – alles gut funktioniert. Das ist irgendwie der überraschend anarchische Charakter des Stillens: die richtige Menge wird nicht von Erwachsenen mit exakten Messbecherskalen entschieden, sondern man lässt das Kind einfach mal machen und lernt ihm zu vertrauen. Eine Erfahrung, die auch Mütter wieder zu einer genussvollen Nahrungsaufnahme jenseits des Messens, Zählens und Überwachens verführen kann.

Stillen während das Leben weitergeht, das hat zuletzt auf Facebook aufgeregt


Stillen hat nichts mit Sexualität zu tun! Und was, wenn doch?

Stillen bietet nicht nur auf der Ernährungsebene die Chance, eine neue Beziehung zum eigenen Körper zu entwickeln. Es kann auch als libidinöse Lust und weibliche Potenz erlebt werden, die sich nicht in patriarchalen Koordinaten bewegt. Aus diesem Grund finde ich die Entgegnung auf stillfeindliches Harassment immer auch ein bißchen problematisch, wenn sie auf den nicht-sexuellen Charakter des Stillens besteht. Vielleicht könnte man auch einfach fragen, was eigentlich so schlimm daran ist, wenn stillen auch etwas mit sexueller Lust zu tun hätte. In Erinnerung an Freud und die Psychoanalyse könnte man das Stillen doch auch wieder als Teil der weiblichen Sexualität und als das erste sexuelle Erlebnis des Neugeborenen begreifen. Ist es nicht für beide, Kind und Mutter, besser, wenn Stillen eine Art libidinöser Akt ist anstatt reine Pflichterfüllung am Kind? Und werden dadurch nicht auch jene Aspekt am Stillen besser sichtbar, die nicht entsagungsvoll, sondern lustbringend sind? Dann könnte deutlich werden: Es geht hier nicht um die Gegenüberstellung von Natur und Kultur, nicht um westliche Zivilisation gegen Erziehungspraktiken bei Naturvölkern, sondern um die Frage, was bereitet uns als Müttern im Verhältnis zu unseren Kindern mehr Lust? Die rein funktionale Seite des Stillens, also die Ernährung des Säuglings hat ihre brutale Notwendigkeit dank Flaschennahrung von guter Qualität längst verloren. Es kann nun also wirklich um die Lust auf beiden Seiten gehen. Der intensive körperliche Dialog, das Sichmischen mit einem anderen Körper ist es gerade, was viele Frauen für andere Einschränkungen durchs Stillen bestens entschädigt. Stillen ist Intimität und ein libidinöses Körpergespräch mit dem Säugling, das völlig neue Erfahrungsräume eröffnen kann.

Stillfeindlich, Mütterfeindlich, Kinderfeindlich

Natürlich gibt es dieses Gefühl „angehängt zu sein" auch, immer wieder und manchmal sogar ganz heftig. Schließlich ist das Stillen und die Kinderbetreuung wie viele andere emotionale und körperliche Beziehungen nur schwer in das normale Arbeitsleben einzufügen. Kinder beim Großwerden zu begleiten ist heute ja leider alles andere als eine selbstbestimmte Tätigkeit. Es geht dabei zunächst nicht um unsere eigenen Wünsche und die unserer Kinder – die Entfaltungsmöglichkeiten sind eng von den vorgegebenen Lebens- und Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Erreichbarkeitspflichten, finanzielle Nöte) eingeschränkt. Doch dass Stillen und Arbeit sich nicht gut vereinbaren lassen, ist kein gutes Argument gegen das Stillen. Vielmehr gegen die Unterordnung von Kindern und Eltern unter eine Arbeitsorganisation, die den Wünschen und Bedürfnissen von Müttern und Kindern nicht gerecht wird. Es wäre also schön, wenn Mütter gemeinsam für mütter- und kinderfreundliche Bedingungen eintreten. Dass Mütter, die sich für einen Weg entschieden haben, diesen auch genießen können, muss ja nicht heißen, dass der andere Weg ungenießbar sein muss. Also schütten wir die Gräben zu und sorgen wir dafür, dass Muttersein lustvoll und selbstbestimmt gelebt werden kann.