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„Nein danke, ich hab mein Glas Wasser!"
Man kann dem eigentlich nicht wirklich entkommen. Egal wo man hingeht, ob in den Supermarkt oder in die Trafik oder ins Internet oder einfach nur auf die Straße, es wird einem regelrecht auf die Nase gedrückt. „NEU! DIE SPINATDIÄT! 5KG IN EINEM MONAT VERLIEREN!" „-15% FETT!" „VEGAN: DAS NEUE FIGURGEHEIMNIS DER HOLLYWOODSTARS!" „NEU: EISTEE OHNE ZUCKER!" Und dann sieht man auch noch überall diese schönen Models, die – egal welche Hautfarbe oder Haarfarbe sie haben – alle eins gemeinsam haben: sie sind megadünn. Das ist das Schönheitsideal unserer Gesellschaft. Dünn zu sein. Ein „Thigh-Gap" zu haben. „So leicht zu sein, dass jeder Junge dich tragen kann!"

Dünn sein heißt heutzutage gleich schön zu sein. Natürlich nicht für alle, aber doch für die meisten. Und es gilt besonders stark für Frauen. Natürlich ist der Schlankheitswahn nicht der einzige Grund, warum es Essstörungen gibt aber heutzutage ist das schon ein sehr schwerwiegender Grund. Und auch einer der Hauptgründe gewesen, warum ich mit 12 Jahren eine Essstörung entwickelt habe.

Als ich klein war musste ich mein Essen immer aufessen. „Die Kinder in Afrika haben nichts zu essen!" musste ich mir fast jeden Tag anhören. Also wurde aus mir ein sehr kräftiges Mädchen und ich trug mit meinen elf Jahren Kleidergröße 38 und wog um die 55-57kg. Nicht als ob das etwas Schlimmes wäre, allerdings ging meine Mutter zu der Zeit von „Die Kinder in Afrika haben nichts zu essen!" zu „Du solltest anfangen, auf deine Figur zu achten! Wenn du jetzt in den jungen Jahren nicht schlank bist, wirst du später nie wieder abnehmen können! Und Männer wollen immer schlanke Frauen!" Es war auch die Zeit, als ich angefangen habe, Mädchenmagazine zu lesen. Es war mir mehr oder weniger unmöglich dem Schlankheitswahn zu entgehen. Und im Alter von zölf Jahren fing ich an, mich diesem absurden Schönheitsideal zu unterwerfen.

Mit zwölf trug ich noch BH-Größe 75B, wog 57kg und trug Kleidergröße 38, mit 14 Jahren konnten meine Brüste nicht einmal mehr die kleinste BH-Größe, die ich beim H&M finden konnte ausfüllen (70A), ich wog 45kg und trug Größe 32. Ich hatte eine typische Magersucht entwickelt, ich aß kaum was, ich verspürte das Hungergefühl nicht mehr als solches und hatte also gar keinen Hunger, ich achtete darauf, dass mir ständig kalt war (ich hatte auf „Pro-Ana-Seiten gelesen, dass man dadurch abnimmt) und obwohl ich schon längst untergewichtig war, sah ich überall an mir noch „zu viel Fett, das weg musste". Andererseits wusste ich auch, dass ich sehr dünn war, ich war richtig stolz darauf, wenn ich mich mit dickeren Mädchen verglich und wenn ich vor anderen Mädchen prahlen konnte, dass ich die „Disziplin hätte, nichts essen zu müssen." Weswegen die Essstörungs-Gruppen-Therapie auch wenig geholfen hat. Ich wollte ja nicht aufhören, ich wusste zwar, dass was mit mir nicht stimmt aber ich wollte ja dünn bleiben. Erst als ich meinen Freund getroffen hab und für ein paar Monate von meiner Mutter zu meinem Vater gezogen bin, änderte sich langsam etwas. Wenn ich nicht bei meiner Mutter war, hatte ich weniger das Verlangen nach „nichts essen". Sie hatte mich in meiner Essstörung immer unterstützt und mir das Gefühl gegeben, dass ich alles richtig machen würde, dass sie stolz auf mich wäre, weil ich das schaffe, das sie nicht schafft, nämlich unglaublich dünn zu sein. Ich hatte aber auch andere Probleme mit ihr, weswegen ich sie eine Zeit lang nicht sehen wollte, was dazu geführt hat, dass ich mich für meine Essstörung plötzlich geschämt hatte.

Mein Vater hat es nicht zugelassen, dass ich mich selbst verhungern ließ und mein Freund fand es sehr komisch, als er mir einmal ein Stück Pizza anbieten wollte und ich mit „Nein danke, ich hab mein Glas Wasser!" geantwortet habe. Und weil ich mich so sehr dafür geschämt habe und auch nicht mehr zugeben wollte, dass ich hungern musste, um so dünn zu bleiben, fing ich an wieder mehr und regelmäßiger zu essen. Und natürlich nahm ich auch wieder zu, allerdings hat es mir auch sehr dabei geholfen, dass mein Freund mir immer wieder gesagt hatte, dass ich trotzdem schön und auch noch dünn bin und erst zu dem Zeitpunkt habe ich auch angefangen zu sehen, dass ich schon dünn genug war und nicht noch mehr abnehmen musste. Schließlich wollte ich ja dünn genug sein, um einem Jungen zu gefallen und leicht genug sein, um getragen zu werden (damals haben Mädchenmagazine und das Internet mir einreden können, dass das relevant wäre). Bis es zu dem Punkt angelangt ist, als es mich auch nicht mehr gestört hat zuzunehmen, hat es noch einmal Jahre gedauert. Also, angefangen abzunehmen habe ich mit zwölf Jahren, meinen Freund habe ich kennengelernt, kurz bevor ich 15 geworden bin und von meiner Mutter bin ich für eine kurze Zeit weggezogen, kurz nachdem ich 15 geworden bin. Auch da hat mir die Therapie erst geholfen und ein Jahr später habe ich keine mehr gebraucht. Jetzt bin ich 18 Jahre alt, wiege wieder 10kg mehr (vor einem halben Jahr wog ich mich zuletzt ab und wog 55kg und seitdem interessiert es mich auch nicht mehr, wie viel ich wiege) und fühle mich so wohl in meinem Körper wie noch nie. Mir ist bewusst, dass ich im richtigen Moment Menschen kennengelernt habe, bzw. mich an Menschen gewandt habe, die mir dabei geholfen haben, noch rechtzeitig rauszukommen, bevor ich gesundheitliche Schäden davontrage und noch weiter in dieser Hölle versinke und ich weiß, dass nicht jeder Mensch dieses Glück hat und viele ihr ganzes Leben mit Essstörungen kämpfen müssen. Was mir schlussendlich dabei geholfen hat, meinen Körper so zu akzeptieren wie er ist sind „Body-Positivity"-Blogs, die einem zeigen, dass Schönheit nichts, wirklich rein GAR NICHTS, mit dem Gewicht zu tun hat. Dass man schön sein kann, egal ob man dünn oder dick ist. Jetzt achte ich darauf, dass mein Körper gesund bleibt, ich ernähre mich zwar vegan, aber aus moralischen Gründen und nicht aus Diät-Gründen, ich versuche mich gesund und abwechslungsreich zu ernähren, aber wenn ich Lust auf Fast-Food bekomme, verzichte ich auch nicht darauf.

Ich denke, es ist wahnsinnig wichtig, dass man endlich anfängt, ALLE Körperformen als SCHÖN in den Medien zu präsentieren. Es muss gleich viele dicke Models wie dünne Models geben und für Diäten darf nicht mehr geworben werden. Es muss zu einem „Trend" werden, den eigenen Körper schön zu finden, wie er ist und ihn zu lieben. Und man muss anfangen, Diät-Verhalten als gestörtes Verhalten anzusehen. Es sollte in den Magazinen stehen „Zählst du Kalorien? Verzichtest du ab und zu auf eine Mahlzeit, weil du nicht dick werden möchtest? Fühlst du dich schuldig, wenn du etwas gegessen hast? Du könntest eine Essstörung haben und solltest Hilfe anfragen! Hier kannst du rund um die Uhr anonym anrufen!" … Ich habe das Gefühl, dass durch die ganzen Pro-Diät-Werbungen eine Essstörung „zu normal" geworden ist. Wen kümmert es schon, dass die Schulkollegin das Joghurt isst, auf dem „-30% FETT!" drauf steht? Schließlich isst ja mittlerweile FAST JEDER etwas zuckerfreies oder weniger fettiges, weil die Gesellschaft richtig ANGST davor hat, fett zu werden. Und man darf natürlich auch nicht vergessen, dass nicht jeder Mensch, der dünn ist gleich eine Essstörung hat und nicht jeder Mensch, der Magersucht oder Bulimie (ich beschränke mich jetzt auf Essstörungen, die mit dem Schlankheitswahn zutun haben können) hat, dünn ist. Und ich hoffe, dass Menschen mit Essstörungen in Zukunft auch ernster genommen werden und ihnen auch seriöse Hilfe angeboten wird. Ich erlebe oft, wie man zu Menschen, die nicht aus Haut und Knochen bestehen, sagt: „Du bist doch nicht dünn, du hast nie im Leben eine Essstörung!" oder „Ach, eine Essstörung ist doch nichts Ernstes, nur weil sie ab und zu Diät macht. Soll sie halt wieder normal essen!"… Jeder Mensch kann eine Essstörung entwickeln, Essstörungen haben ja nicht nur mit „dünn sein" etwas zu tun, es geht ja auch in die andere Richtung, es gibt die Ess-Sucht und das Frustessen, usw. und JEDER muss ernst genommen werden und JEDEM muss geholfen werden und ich wünsche mir, dass nicht nur das passiert, sondern auch die Gesellschaft, alle Körper als SCHÖN zu akzeptieren, damit viele erst gar nicht dazu kommen, eine Essstörung zu entwickeln.