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Rettet die Wale und stürzt das System
(Alternativtitel: Warum ich lieber verhungern würde als mein Geschäft aufzugeben)

Hallo, mein Name ist Katja und ich habe ein Geschäft. Ein Business. Einen Laden. Einen Kommerzschuppen.

„Oh, toll! Was für ein Geschäft denn?"

Der Laden heißt Metaware und ich verkaufe dort Videospiel-Merchandise, Geschenkartikel usw. mit so retro nerdy Flair – Ware über Ware quasi, haha, tolles Wortspiel, checkt man, oder?

„Super! Also Comics und Videospiele?"

Ugh.

Hallo, mein Name ist Katja und ich führe dieses Gespräch ca. einmal in der Woche. Ich hatte die geniale Idee, popkulturelle Phänomene mit Handarbeit zu kombinieren und daraus ein Geschäft zu machen. Blöderweise habe ich vollkommen vergessen (oder verdrängt), wie Stricken, Häkeln, Sticken und vor allem Bügelperlen als minderwertige Freizeitbeschäftigung von Omas, Hausfrauen und Kindern angesehen wird. Noch blöder war meine Idee, das Geschäft niederschwellig zu lassen und auf übertriebene Preisgestaltung und Ausstattung zu verzichten. Jetzt sieht es nicht nach Design aus sondern nach Krempel. Naja.

Um ein Geschäft zu eröffnen braucht es keine besondere Ausbildung oder Erfahrung sondern hauptsächlich Geld. Ein Geschäftslokal kann jede*r anmieten. Ins freie Gewerbe Handel kann man sich ebenso easy einschreiben lassen. Mit meinen Universitätsabschlüssen hatte ich die beste Vorraussettung dafür, in der Gastronomie zu versumpfen oder Taxi zu fahren. Doch ich wollte mich selbstständig machen.

Selbstständig zu sein hat viele Vorteile. Man kann (theoretisch) jeden Tag ausschlafen, arbeiten wann man will und wie viel man will. Eigentlich muss man gar nicht arbeiten und niemand fragt nach, kein AMS und vor allem kein*e Chef*in. Wenn ich Bock habe den ganzen Montag mit meiner Katze im Bett zu liegen und TV zu glotzen dann kann ich das tun.

Die Nachteile sind allerdings nicht zu vernachlässigen. So traumhaft es auch klingt mit der Katze im Bett zu liegen: die Versicherung ist teuer, es gibt kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld und genau genommen gibt es überhaupt kein Gehalt. Das ist schon blöd.

Daher steig ich doch irgendwann aus dem Bett. Ich fahre in mein Geschäft, drehe das Licht auf und drehe das Türschild auf „open". Dann beginnt das Bangen. Ich möchte euch kurz aus dieser seltsamen Lebensrealität erzählen. Was es heißt, ein Geschäft zu haben.

Du setzt dich an deinen Verkaufstisch Schrägstrich Schreibtisch und wartest auf Kundschaft. Da ist ein Laptop der dich ablenkt. Leider auch mit E-Mailprogramm. Die Wirtschaftskammer läd dich täglich zu den absurdesten Veranstaltungen ein. Feng Shui für den Erfolg und Stimmtraining für Frauen.

Du wartest und wartest und lenkst dich ab, mit Tumblr oder Twitter.

Endlich betritt jemand den Laden. Nun gibt es enorm viele Möglichkeiten, wie die Begegnung ausgeht. Du bist gespannt. Nein. Eigentlich bist du total angespannt. Jemand betritt dein Reich, dein Geschäft, dein Zuhause. Du hast Angst. Angst davor, zurückgewiesen zu werden: gefällt es der Person? Betrachtet sie die Produkte und lächelt? Im Besten aller möglichen Fälle kauft sie etwas und du fühlst es, die Genugtuung und Wertschätzung. In Form von Geld.

Dein Leben hat sich auf diese eine Sache konzentriert: Menschen kommen zu dir und geben dir Geld für Produkte. Es ist aber nicht wie du es kennst aus dem Supermarkt, eine blinde Transaktion. Du gibst etwas von dir und erhälst einen monetären Gegenwert. Die Produkte hast du selbst gemacht oder selbst ausgesucht, ausgepackt, bezahlt, hingestellt, begutachtet. Jeder Gegenstand in diesem Raum ist durch deine Hand gegangen. In jedem Teil steckst du.

Wenn ein Mensch deinen Laden betritt und nach einigen Schritten wieder kehrt macht, unschuldig und gedankenverloren, uninteressiert – dann beginnen deine Zweifel. Denn das ist dein Leben. Dieser Mensch warf einen kurzen Blick auf das was du erreicht hast und wollte nichts davon. Wollte nichts damit zu tun haben.

Tagein tagaus öffnest du den Laden und bist der ständigen Bewertung anderer ausgesetzt. Klar bewerten sie nicht direkt dich, sie kennen dich ja gar nicht. Dennoch läuft es genau darauf hinaus: wenn du etwas machst, was den Leuten gefällt und einige davon kaufen etwas, dann bist du etwas wert, du kannst deinen Lebensunterhalt allein durch dein Tun – komplett unabhängig von einer Firma oder einer vorgesetzten Person verdienen. Du stemmt diesen Laden allein mit allem was darin ist, du erledigst alle Tätigkeiten selbst. Aber wenn es nicht funktioniert, dann funktioniert dein Leben nicht. Deine Idee ist gescheitert. Und so kommt es eben, dass du nach einem ganzen Tag, an dem niemand etwas kauft, heulend zusammenbrichst und dir Gedanken darüber machst, warum du so ein Loser bist.

Die Verbindung von (Selbst-)Wert und Geld ist wohl nirgendwo sonst so schmerzhaft eng miteinander verbunden. Du kannst noch so viel an dich selbst und deine Vision glauben: wenn dein Laden nicht läuft und du kein Geld in der Tasche hast dann fühlst du dich wertlos.

Zwischen diesen Momenten, in denen jemand tatsächlich in deinem Laden steht, sitzt du herum. Jede*r Passant*in sieht dich dort sitzen. Du sitzt in der Auslage. Du isst öffentlich, popelst öffentlich und bist die meiste Zeit öffentlich gelangweilt.

Manchmal kommen Nachbar*innen herein und fragen etwas, auf das du keine Antwort weißt. Zum Beispiel:

Hallo, ist das hier ein Free Space?

Hallo, wie lange gibt es euch schon?

Und, wie läuft's?

Wie siehst du das mit der Gentrifizierung?

Und davon kann man leben?

Auf die letzte Frage habe ich gefühlt schon hundert verschiedene kreative Antworten gegeben. Mittlerweile finde ich die Frage nur noch highly offensive. Schließlich ist das kein Job, das IST mein Leben.