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Von der patriarchalen Dividende der Frauen
In diesem Semester habe ich mich intensiv mit dem Buch „Männlichkeiten" (masculinities) von Robert Connell beschäftigt / beschäftigen müssen. Darin beschreibt der Autor, der sich – funny sidenote – wenig später einer geschlechtskorrigierenden* Operation unterzog, die historische Entstehung der vier Männlichkeitstypen, die er ausmachen kann. Er sieht das System des Patriarchats angeführt von der hegemonialen Männlichkeit, einer Art Ideal und Inbegriff dessen, was darunter weitläufig verstanden wird. Dieser Typ Mann verkörpert (!) zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Region ein anzustrebendes Wesen. Sagen wir: George Clooney oder irgendein Sportler. In der normalsterblichen Bevölkerung findet sich also nicht wirklich ein Vertreter dieses Typs Mann. Sie dienen nur als Anhaltspunkte für die anderen drei Männlichkeitstypen. Diese wären: der Komplize, der durch sein Mannsein die sogenannte „patriarchale Dividende" einsackt, der marginalisierte Mann (der niemals etwas erreichen kann, da er durch eine bestimmte Eigenschaft aus dem System ausgeschlossen ist, sei es Krankheit oder Hautfarbe) und der untergeordnete Mann (z. B. der Schwule, da feminisiert).

Am spannendsten fand ich die Beschreibung der Komplizenschaft. Denn natürlich ist es so: jemand, der die Klappe hält und keine Meinung zu gar nichts hat, profitiert schon allein durch sein Mannsein (rein statistisch gesehen) von der Existenz einer hegemonialen Männlichkeit. Doch genau da greift mir Connell ein bisschen zu kurz, denn: Männer machen nur die Hälfte der Gesellschaft aus, es braucht definitiv auch die Frauen, um das Bild der Männlichkeit zu formen. Dann musste ich über die „patriarchale Dividende" von Frauen nachdenken. Gibt es sie? Es muss doch Vorteile für Frauen haben, am System mitzuarbeiten. Wie lassen sich sonst die unendliche Anzahl an Frauenmagazinen erklären, die wie selbstverständlich Stars, Kochen, Sport, Gärtnern, Kindererziehen, Konsum und Mode behandeln (und sonst nix)? Mal abgesehen davon, dass es bequem ist, sich in diesem Frauenbild abzufinden, da es das vorherrschende ist. Es muss einen Vorteil bringen, die Erwartungen der umgebenden Männer und Frauen zu erfüllen. Sei es im Job oder sonstwo. D. h. vielleicht, dass bei einem sexistischen Kommentar im Job keine Widerworte gegeben werden oder dass bei der Kleiderwahl eher konservativ gewählt wird.

In meinem Facebookstream geht es sehr geordnet zu. Nur selten muss ich ein Bild wie oben sehen, ohne dass ein kritischer Kommentar als Überschrift dabei steht (am besten noch mit Hinweis auf Fundort und Aufforderung, den Ort zu meiden). Es kam jedoch vor, dass ich das Foto letzte Woche dort sah, versehen nur mit einem Smiley. Gepostet von einer Frau. Genau DAS nenne ich die patriarchale Dividende der Frau. Damit meine ich nicht, dass tatsächlich Frauen ihr Oberteil entfernen, um gratis Getränke zu bekommen. Soweit zu gehen ist nicht nötig. Im TV hört man den Spruch oft, dass man als weiblicher Single kein Geld mitnehmen muss zum Tanzen, denn es wird im Club genug spendierfreudige Männer geben, die einen Drink gegen ein bisschen Plauderei tauschen. Diese kleinen Extras* sind der Vorteil am Frausein.

Ich möchte mich da gar nicht ausnehmen. Auch bei mir gibt es einige Punkte, die ich herzlich begrüße, auch wenn ich insgeheim weiß, dass sie auf einer strukturellen Benachteiligung basieren. Beispiel: ich stehe gemeinsam mit meinem Mitbewohner im Mietvertrag, doch wenn es etwas finanzielles oder organisatorisches zu klären gibt, wird nie meine Rufnummer gewählt, sondern seine. Er ist halt ein Mann. Das ist mir sehr recht, denn ich hätte sowieso keine Lust darauf, diese Dinge zu erledigen. Ich lege das positiv für mich aus und selbst als Feministin denke ich nicht im Traum daran, diesen Zustand ändern zu wollen.

Was manchmal auch gut hilft: dumm stellen. In etlichen Situationen ist es das schlimmste und verachtenswerteste überhaupt, sich unanteilig zu stellen, doch die Methode „dumm stellen" wurde sogar in meiner Gender Studies Vorlesung als mögliche Taktik in Konfliktsituationen genannt. Etwa um Verantwortung für Schiefgelaufenes im Job abzuschieben oder im Straßenverkehr – die Möglichkeiten sind endlos. Bei Frauen funktioniert es besser und öfter, da sie meistens eh nicht für voll genommen werden und leichter davon kommen. (Es kann auch ganz böse nach hinten losgehen, also Vorsicht)

Die Frage ist aber eher: wie bewusst oder unbewusst „nutzt" man die Dividende aus, oder lebt man sie gar systemunterstützend tagtäglich? Bei mir ist es eine Mischung aus fehlender Solidarität und Neid auf bzw. für diese Nutznießerinnen. Einen reichen Mann finden und nie wieder arbeiten müssen klingt halt schon sehr gemütlich. Ökonomische und soziale Gleichstellung der Geschlechter aber auch. Schwierig.

Was ich damit eigentlich auch sagen will: zu unrecht finden sich bei feministischen oder antisexistischen Themen die Männer sofort angegriffen und in der Defensive. Ich würde fast behaupten, dass Sexismus und Antifeminismus bei weiblichen Menschen ebenso stark vertreten ist. (Ich selbst war bis vor einem Jahr Antifeministin.) Daher ist mir schleierhaft, wieso sich nicht Frauen ebenso häufig dazu äußern. Aber manchmal kommt es eben doch vor: „hab dich nicht so, ich komm ja auch damit klar, so ist die Welt nun mal, reg dich ab".

Ich kämpfe auch für dich, Schnuffi. Bussi!

*Sternchen markieren schlechte Wortwahl und / oder fehlende Alternativen.