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Warum die Quotendebatte nicht die meine ist
Gleich zum Einstieg möchte ich meine Überlegungen zum Thema „Frauenquote für Führungspositionen" präsentieren.

Die Ausgangsfrage war für mich die folgende: Geht es Herrn A besser, weil Herr B einen Aufsichtsratsposten innehat? Die Antwort lautet meiner Meinung nach: Nein, Herr A, Bauarbeiter, Lehrer oder Buchhalter, hat davon nichts, wenn irgendein anderer Mann ganz oben ankommt. Weder wird dadurch der alltägliche Stress und damit verbundene Druck geringer, noch wird der Lohn höher. Dasselbe gilt, behaupte ich, auch in Bezug auf die Frauenquote: Durch eine solche geht der Mehrheit der Frauen nicht besser. Sie hilft nur Frauen, die in der Hierarchie bereits recht weit oben stehen – und weiter nach oben kommen wollen. Anders formuliert: Die Quotendebatte dreht sich nicht ohne Grund nicht um den nächsten miesen Job an der Supermarkt-Kassa, im Großraumbüro oder Putztrupp.

Jetzt kann man natürlich ganz gewitzt einfordern, dass es dann auch Quoten für die Jobs in den unteren Etagen der Gesellschaft geben müsse. Aber da zeigt sich dann eben noch viel deutlicher, um was es bei dem ganzen Quotenprogramm geht: um das bescheidene Ziel, gesellschaftliche Hierarchien geschlechtergerecht zu besetzen. Oben soll der Reichtum gendergerecht verteilt sein, unten die Armut – und beides setzt voraus, dass es weiter oben und unten gibt. Aber was heißt das eigentlich?
Das heißt zuallererst, dass eine andere Gesellschaft, eine, in der es keine Armut mehr gibt, gar nicht erst angestrebt wird. Das liegt daran, dass Vertreterinnen des Mainstream-Feminismus nicht sonderlich viel Kritik am Bestehenden einfällt. Nicht die Konkurrenzgesellschaft, die systematisch Verlierer_innen hervorbringt, stört sie, sondern dass die Konkurrenz nicht „fair" verläuft – sie wittern offensichtlich große Chancen. Dass Unternehmen aus ihren Mitarbeiter_innen Profit herauspressen, stört sie nicht, lediglich, dass Frauen beim Kommandieren der Lohnabhängigen – Frauen wie Männer – nicht gleichberechtigt mitmachen dürfen.

Für angehende Managerinnen, Unternehmenserbinnen und -gründerinnen mag das ja von höchster Wichtigkeit sein – schließlich geht es um ihr persönliches Fortkommen im System –, mehrere Etagen weiter unten stellt sich jedoch die Frage, ob man wirklich so viel besser dran ist, wenn man von einer Frau ausgebeutet wird – oder nicht vielleicht gleich beschissen wie vorher?

Selbstverständlich gibt es dazu einen Einwand, der da lautet: Wenn eine Frau oben sitzt, dann berücksichtigt sie die Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen, die sie als Frau (angeblich) kennt. Nur habe ich dazu ein Gegenargument, nämlich: Im bestehenden Wirtschaftssystem geht es nicht um die Bedürfnisse der Mitarbeiter_innen, sondern um den Unternehmenserfolg. Und dieser wird auf dem Rücken der Mitarbeiter_innen, Frauen wie Männer, hergestellt.
Man sehe sich z.B. die eignen Bedürfnisse an und prüfe, ob diese sich mit den Anforderungen, die ein Unternehmen stellt, kompatibel sind. Zumindest ich möchte wenig Arbeiten – damit Zeit für Freund_innen, Familie etc. bleibt – und dafür einen möglichst hohen Lohn. Das Ergebnis des Kompatibilitätstests ergibt, dass diese meine Bedürfnisse vor allem eines sind: unternehmensschädigend. Das ist die einfache Wahrheit über die bestehende Wirtschaftsweise: Lohnkosten sind ein Abzug vom Gewinn, und daher zu reduzieren. Möglichst viel Leistung für möglichst wenig Lohn – das taugt Unternehmen. Je nachdem, wie viele mit einer_m in Konkurrenz um den Arbeitsplatz stehende (weil vom System dorthin gestellte) Lohnabhängige gerade vorhanden sind (in einer bestimmten Branche zu einer bestimmten Zeit), kann man mal wenig, mal weniger Lohn ergattern. Doch das Verhältnis zwischen Unternehmen und Lohnabhängigen bleibt stets ein gegnerisches. Wer dabei am längeren Ast sitzt, ist bekannt.

Und daran kann eine Frau in einer Führungsposition nichts ändern, und darum geht es auch nicht – es ist zweckfremd, an die Kommandant_innen und Profiteur_innen der Wirtschaft-/sweise eine solche Erwartung heranzutragen. Der Zweck von Unternehmen in dieser Gesellschaft ist die Vermehrung von Geld, der Rest ist Ideologie.
Das wird von der Praxis der bereits existierenden Frauen in Führungspositionen unterstrichen. Man nehme etwa Brigitte Ederer, SPÖ-Frau, dann Siemens-Managerin, (bis vor kurzem) verantwortlich für den Bereich „Corporate Human Resources" und tausende Kündigungen – weil es sich rentiert; natürlich nicht für die Gekündigten. Eine weitere Frau, die oben sitzt, Unternehmerin und IV-Jungstar Therese Niss, fordert die Erhöhung des Frauenpensionsantrittsalters – weil es sich rentiert; natürlich nicht für die lohnabhängigen Frauen, die dann noch länger schuften müssten. Dass diese zwei Frauen – und mit ihnen viele andere mehr – so handeln, liegt nicht an einer Charakterschwäche (selbiges gilt für die Männer, die so handeln). Sondern schlicht und ergreifend daran, dass man sich so verhalten muss, will man in dieser Gesellschaft oben sein und bleiben.
Es ist daher eine Illusion zu meinen, durch Frauenquoten würde sich etwas grundlegendes ändern. Es ändert sich maximal etwas für Frauen, die eh schon gut dastehen in dieser Gesellschaft. Daher ist die Quotendebatte eine elitenfeministische Debatte.

Die Verlierer_innen hingegen, also jene 90%, die von den 10% herumkommandiert werden, haben nichts davon, wenn es irgendwann heißt, dass ihre erbärmliche Position „gerecht" – in dem Fall gendergerecht – zustande käme. Davon ist eine nicht weniger arm, weder die Miete lässt sich davon zahlen, noch Essen kaufen. Unten kommt die ganze Debatte nur mit dem Versprechen an, sich eines Tages denken zu dürfen: „Es ist nur gut und recht, dass ich hier unten sitze."
Hier zeigt sich, was sich auch bei den vielen anderen Diskursen, die sich um die Herstellung fairer Konkurrenz drehen, regelmäßig zeigt: Wer fordert, dass „nur" die „richtigen Versager_innen" – ermittelt durch faire Konkurrenz – nach unten gehören, sagt zwangsläufig später – nach Verwirklichung der Forderung – auch: „Du bist selber schuld, dass du arm bist". Das aber ist eine Lüge, ideologische Rechtfertigung politisch gewollter Verarmung, die die Basis des Reichtums Weniger bildet.
Die elitenfeministische Debatte um Quoten für Führungspositionen ist somit nicht nur etwas, wovon die Mehrheit der Frauen nichts hat, sondern bietet darüber hinaus Ausblick auf noch mehr individualisierenden Klassismus.

Das alles soll nun keine Absage an „den" Feminismus sein, aber doch ein Appell, sich vom Elitenfeminismus ab- und antikapitalistischem Feminismus zuzuwenden. Da ginge es dann nicht mehr um die Probleme einiger ausgewählter Frauen, die mit einigen ausgewählten Männern darum konkurrieren, wer die unteren Etagen profitträchtig kommandieren darf, sondern zur Debatte stünde, wie sich die Lage der Mehrheit der Frauen verbessern ließe.
Dazu möchte ich hier in Zukunft gerne einen Beitrag leisten.
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Innerhalb der deutschsprachigen Blogosphäre wird das Thema Klasse in letzter Zeit wieder zum Thema gemacht. Verweisen möchte ich hier beispielhaft auf zwei Texte.
Antiprodukt hat zu ihren Erfahrungen als Lohnabhängige geschrieben, Chwesta, ClaraRosa, Marlen_e, Samia, und Bäumchen zum Umgang mit Armut und Armen innerhalb der feministischen Szenerie