~
Zwischen binären Geschlechtsstrukturen
Rasa ist Intersex Aktivist* und damit leider noch sehr einsam in Österreich.

Eine Begegnung im Sommer.

Als Rasa und ich uns das erste Mal sehen ist es Sommer. Ich bin gerade von einer längeren Reise zurück gekommen und bin auf einer Alice-im-Wunderland-Wg-Party. Wir sitzen unter einem Magnolienbaum auf ausrangierten Sofas im Garten. Alle sind verkleidet. Ich bemale die Gesichter der surrealen Gestalten. Ein grüner Einhornkuchen wird angezündet.

Rasa steht irgendwann zwischen den bekannten Leuten herum. Im ersten Moment denke ich, es muss einer der unübersichtlich vielen kleinen Brüder von J. sein. Er sieht aus, als wäre er gerade 18. Beim zweiten Blick identifiziere ich ihn eindeutig als Frau. Ich erfahre B. von unten ist ausgezogen und stattdessen wohnt jetzt Rasa hier, gerade wieder fisch zurück nach 2 Jahren Berlin und sechs Wochen Wwoofen. B. ist auch da. Mit einem runden Kugelbauch und einer Tasse Tee. Es ist viel passiert als ich weg war.

Ich male auf Rasa's Wunsch einen pinken Schnurrbart in ihr Gesicht. Ich überlege ob ich fragen soll als was sie sich identifiziert. Ich bemerke wie andere Leute weibliche Pronomen für sie verwenden, verwerfe die Frage. Vielleicht bin ich übersensibel, vielleicht wäre zu Fragen grenzüberschreitend.

Wir sehen uns nach zwei Tagen wieder, auf einem Vortag des Verein Pink Noize zu Girlsrockcamps und der Schwierigkeiten die Musiker*innen in einem männerdominierten Umfeld haben. Rasa sitzt zwei Reihen vor mir, sie trägt eine Brille. Wir tauschen Telefonnummern und gehen am selben Abend miteinander aus. Rasa erzählt von der Idee von einem Filmprojekt, in dem sie Hauptperson sein soll. Ich frage warum man speziell über sie einen Film macht. „Ich bin intersexuell", sagt ersie.

Blöd bin ich, denke ich, hätte von vornherein nachfragen sollen! Der Abend wird schön. Wir tanzen. Ich frage welche Pronomen ich verwenden soll, Rasa sagt es sei egal, alle seien falsch und richtig. Seit kurzem probiere ich auf Rasa's Vorschlag „ersie". Weil es Sommer ist sitzen wir draußen. Wir sind zu dritt. Ein Mann fragt nach Feuer und setzt sich zu uns. Eines der ersten Dinge, die er sagt ist, dass er ja der einzige Mann in der Gruppe sei, er lacht. „Der Eineinhalbte…", sagt Rasa, er versteht nicht und übergeht die Aussage. Solche Situationen sollen in Zukunft öfter vorkommen, wenn ich mit Rasa unterwegs bin. Die Hälfte der Menschen ließt Rasa als Frau, die andere Hälfte als Mann. Alle Freunde verwenden irgendwelche Pronomen, weil es keine Passenden gibt.

Wenn weder „männlich" noch „weiblich" stimmt.

Schätzungen zufolge kommt eines von 2000 bis 5000 Kindern mit uneindeutigen körperlichen Geschlechts-Merkmalen auf die Welt. In Österreich werden also zwischen 16 und 25 Kindern pro Jahr intersexuell geboren.

Rasa ist mittelgroß, hat braunes Haar und spielt Saxophon. Ersie singt Tenor in einem Männerchor und spielt zurzeit nach Lust und Laune in verschiedenen Bandkonstellationen. Rasa mag Haruki Murakami, sagt ersie zumindest und schenkt mir sein neuestes Buch zum Geburtstag. Rasa hat sich seinihr Bett selbst gebaut und singt ständig; leise, summend, quietschend bis die Stimme bricht. Beim spazieren, beim Radfahren, beim Kochen…

Bei einem Siebdruckworkshop drucken wir unsere eigenen Motive. Rasa druckt den ankreuz- Schriftzug: □ weiblich □ männlich □ Fuck you! Darunter die kleine Zeichnung eines Ich Bin Ichs.

Rasa trägt manchmal Röcke, manchmal Männerhosen, manchmal Hüte manchmal Kapuzenpullis. An meinem Maturaball kommt ersie im Anzug -mit pinkem Federohrring. Rasa tanzt mit Hüftschwung und geht auf Wanderschuhen. Ursprünglich kommt ersie vom oberösterreichischen Land, geht viel spazieren, schläft und arbeitet in einem Nudellokal.

Die Augen von Außen.

Bevor ich Rasa kennen gelernt habe, bin ich mit Intersexualität durch den schönen Film „XXY", durch Alex Jürgen und „Tintenfischallarm" durch zwei Sachbücher von meiner Tante und durch das Buch „Middlesex von Jeffrey Eugenides" zusammengestoßen. „XXY" war lange ein Lieblingsfilm von mir, mit schönen großen Bildern in dunklen Farben wird vorsichtig die Geschichte der intersexuellen Hauptfigur Alex erzählt. Die Charaktere bewegen sich durch die verträumten Bilder, die in Argentinien aufgenommen sind, in einem Haus das sich scheinbar am Ende der Welt befindet. Als ich jetzt „Intersexualität" das erste Mal auf Google eingebe bin ich ein bisschen erschreckt. Eines der ersten Dinge die Vorgeschlagen werden sind „Intersexuell Fotos". Vorrangig geht es in den Artikeln über intersexuelle Menschen um deren Geschlechtsorgane. Ich wundere mich dass so wenige Menschen Scham davor empfinden ihre Gesprächspartner*innen über deren Vulven, Penisse, Vaginen, Hoden und Klitorides zu befragen.

Der Verein intersexueller Menschen Österreich.

Auf Facebook entdecke ich dass Rasa mit Alex Jürgen befreundet ist. Alex Jürgen ist mir ein Begriff durch den Film „Tintenfischalarm", außerdem hat meine Tante mal einen Beitrag für die Wiener Zeitung über Alex geschrieben, damals –ich war ein Kind- war Intersexualität für mich wohl erstmals ein Thema.

Vor einigen Wochen hat Rasa zusammen mit Alex Jürgen den ersten Verein intersexueller Menschen Österreichs gegründet. Das ist kein Scherz, es gab bisher keine einzige Einrichtung für Intersexuelle in Österreich. Einher mit dem Verein geht eine INTERSEX-SELBSHILFE-RUNDE, die sich seit dem 6. März 2014 jeden ersten Donnerstag im Monat in Linz trifft. Angekündigt ist „eine Kennenlernrunde mit Rasa und Alex Jürgen für Betroffene und deren Angehörige". Außerdem ist eine Internetplattform am entstehen, um die Vernetzung intersexueller Menschen in Österreich einfacher zu machen. Es ist schön, dass Schritte in die richtige Richtung gemacht werden! Gemacht werden sie, unterstützt werden sie im Augenblick kaum, der Verein noch auf der Suche nach Förderungen.

Zwischi.

Über seinihre eigene Geschichte schreibt Rasa in tagebuchartigen Aufzeichnungen, Statements und Wortmeldungen auf dem sehr persönlichen Blog „Zwischi".

„Für Offenheit, Transparenz, Authentizität, Gegen Angst, Intoleranz, Unverständnis, Für Aufklärung, Information, Loslassen,

Gegen Rollenbilder, Normierungen, Verstecken spielen…

Für mich, für alle Anderen, für Alle die anders sind.

Hoch die intersexuelle Solidarität.

Dies ist ein Experiment. Experimente in meinem Sinn haben einen ungewissen Ausgang. Verletzungen sind möglich. Chaos ist an der Tagesordnung. eventuell kristallisiert sich was sinnvolles raus."